Auf dem Weg

Glaubenssache

Heinrich Vogeler (1872–1942): “Wintermärchen” (Die Heiligen Drei Könige) von 1897. Foto: akg-images
Heinrich Vogeler (1872–1942): “Wintermärchen” (Die Heiligen Drei Könige) von 1897. Foto: akg-images

Der Weg des Mannes vorne auf dem Bild ist mühsam. Er geht gebeugt, stützt sich auf seinen Stock. Als trage er eine Last mit sich. Viel Lebenserfahrung. Freude und Schmerz. Verletzung und Versöhnung. Mit all dem im Gepäck ist er auf dem Weg. Und mit einem Geschenk in der Hand. So stellt Heinrich Vogeler in seinem Bild „Wintermärchen“ (1897) einen der drei Heiligen Könige dar.

Was tragen wir mit uns? Bald zwei Jahre mit Covid19 und all seinen Varianten. Abschiede ohne Abschiednehmen. Abstandhalten und Einsamkeit. Soziale Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Zerwürfnisse zwischen Menschen – sogar bei einst besten Freunden. Verlust der beruflichen Existenz und des beruflichen Ausdrucks. Aber auch das: die Erfahrung, dass Menschen sich einander zuwenden. Füreinander da sind. Kreativ werden, damit für andere gesorgt ist. Sich aufopfernd um den Nächsten kümmern. – Lasten und Gaben tragen wir mit uns.

Der Mann links im Bild spricht ein Kind an. Sucht wahrscheinlich nach Hinweisen für den richtigen Weg. Vertraut dem Kind. Er weiß wohl: Wir brauchen einander auf der Suche nach dem richtigen Weg. Brauchen Vertrauen, dass der andere es gut mit mir meint.

Wir leben nicht für uns allein. Wer „nur“ auf seine eigene Freiheit pocht, der übersieht, dass wir Verantwortung füreinander tragen. Wer Heil für sich allein sucht, der wird kein Heil finden. Das zeigt sich bei den Folgen des Klimawandels, der ungerechten Verteilung der Güter dieser Erde – und auch bei der Frage der notwendigen Maßnahmen in Zeiten einer Pandemie. Wer Christus nachfolgt, dessen Blick wird frei für die Welt und die Menschen, die um ihn sind.

Der Blick des Dritten geht nach oben. Er sucht den Himmel ab. Forscht nach dem Hoffnungszeichen. Nach jenem Zeichen, das ihnen Mut gemacht hatte. Hinweis auf den, der kommt, zu heilen, was auf dieser Welt zerbrochen ist. Zeichen, das sie voller Sehnsucht hat aufbrechen lassen.

Ich erlebe so viel Sehnsucht bei den Menschen: nach Normalität. Gesundheit. Erfolg. Nähe. Danach, geliebt zu werden. Nach Wertschätzung. Gesehen zu werden. Einzigartig zu sein. Ich weiß, die Menschen suchen auf sehr unterschiedliche Weise nach der Erfüllung ihrer Sehnsucht. Manchmal gelingt es. Manchmal auch nicht.

In meiner Sehnsucht suche ich nach dem, der kommt, um zu heilen, was zerbrochen ist. Der jene aufrichtet, die gebeugt sind. Ich suche nach dem, der mir Hoffnung schenkt, dass alles gut wird. Nach dem Gott, der Mensch wird. Weil er es ist, der sich dieser Welt zuwendet und sie nicht allein lässt. Er, der nicht kommt, um zu empfangen oder zu nehmen, sondern um zu geben.

Am Himmel leuchtet zart der Stern – und taucht trotz seiner Zartheit den Himmel in ein warmes Licht. Gott kommt zu Weihnachten nicht gewaltig. Sondern zärtlich. Liebevoll. Und hat damit doch die Kraft, die Welt in ein anderes Licht zu tauchen. Wenn wir denn seiner Liebe folgen. Und so, wie die Heiligen drei Könige, unter seinem Stern in das Dorf gehen. Hin zu den Menschen.

Wo und wie wir auch unterwegs sind – den Blick suchend nach oben, unter Lasten gebeugt, im Kontakt mit den Menschen – der Stern leuchtet uns. Zeichen der Hoffnung für die Zusage Gottes: Ihr werdet finden. Ich bin mit euch!

Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: Dethard Hilbig
Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: D. Hilbig

Gesegnete Weihnachten!

Sabine Preuschoff
Superintendentin des Ev.-luth. Kirchenkreises Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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