Predigt zu Händels Messias III

Glaubenssache von Superintendentin Sabine Preuschoff

Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: Dethard Hilbig
Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: D. Hilbig

Der dritte Teil von Georg Friedrich Händels Messias war die Grundlage der Predigt von Superintendentin Sabine Preuschoff im Kantatengottesdienst am Ostermontag, 18. April 2022, in der Burgdorfer St.-Pankratius-Kirche. Wir dokumentieren an dieser Stelle die Predigt als Glaubenssache in voller Länge. Am Ende finden Sie auch einen Link zum Download der Predigt als pdf-Datei:

"Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

13. April 1737. Ein dumpfer Schlag erschüttert das ganze Haus. Der Diener Händels rennt die Treppe hoch und findet den schwergewichtigen Komponisten. Regungslos liegt er auf dem Boden, die Augen starr, aus dem halb offenen Mund kommt ein Röcheln. Der Arzt wird gerufen. Die Diagnose erschütternd: Apoplexia. Die rechte Seite des schweren Mannes ist gelähmt. Der Kranke flüstert nur: „Vorbei... vorbei mit mir... keine Kraft. Ich will nicht leben ohne Kraft.“ Auf die sorgenvolle Frage, ob Händel wieder genesen wird, antwortet der Arzt beim Weggehen kleinlaut: „Den Mann können wir vielleicht am Leben behalten. Aber den Musiker haben wir verloren, der Schlag ging bis ins Hirn.“

So beschreibt es der Dichter Stefan Zweig in der Geschichte, in der er den Stoff zur Entstehung des großen Oratoriums von Georg Friedrich Händel, des Messias, verarbeitet. Händel liegt vier Monate lang da. Er kann nicht gehen, nicht schreiben, mit der rechten Hand keinen einzigen Ton spielen. Nur lallend kann er sich verständlich machen. Die Ärzte haben ihn längst aufgegeben. Doch er riskiert alles, um zurückzuerobern, was verloren scheint. Er will wieder musizieren – und findet mit großem Kampf tatsächlich die ganze Kraft des Körpers wieder.

Als er von seiner Behandlung in Aachen abreist, macht er noch Halt an einer Kirche. Er ist nicht sonderlich fromm. Aber jetzt zieht es ihn hinein. Er steigt zur Orgel empor und beginnt zu spielen. Zuerst mit der linken Hand, dann zögerlich auch mit der rechten, die lange kraftlos war. Aber auch diese beginnt mit immer größerer Kraft zu spielen. Riesige Klangtürme bauen sich in der Kirche auf. Händel spielt und spielt. Er hat seine Sprache wiedergefunden. Kann wieder musizieren. Stolz und dankbar kehrt er nach London zurück. „Aus der Totenwelt bin ich wieder zurückgekehrt“, sagt er und stürzt sich in die Arbeit.

Doch die Zeit ist gegen ihn. Der Tod der Königin von England, der Spanische Krieg, ein strenger Winter – eine Vorstellung nach der anderen wird abgesagt. Händel gerät immer mehr in Schulden. Er ist am Ende. „Wozu hat mich Gott auferstehen lassen aus der Krankheit, wenn die Menschen mich wieder begraben? Besser wäre ich gestorben als so geschlagen, als Schatten meiner selbst in dieser Welt dahinzuvegetieren?“ Solche Gedanken lassen ihn nicht mehr los. So irrt er abends oft verzweifelt und verloren in London herum.

Am 21. August 1741 kehrt er wieder mitten in der Nacht zurück. Da fällt sein Blick auf ein Bündel von beschriebenen Blättern. Obenauf ein Brief von Charles Jennens, dem Dichter, der ihm die letzten Opern und Oratorien geschrieben hatte.  „Ich hoffe, Sie, der große Meister, werden sich mei-ner armseligen Worte erbarmen und sie dahintragen durch den Äther der Unsterblichkeit,“ steht darin. In seiner Erschöpfung will Händel erst nicht. Aber dann schaut er sich das Papierbündel doch näher an: „Der Messias“. Die ersten Worte treffen ihn zuinnerst: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Wie ein Schöpfungswort in sein zerschlagenes Leben hinein. Da ist wieder Musik in seinen Ohren und in seinem Herzen. Alle Müdigkeit wie weggeblasen. Er packt Feder und Papier und beginnt zu schreiben. Nach 22 Tagen ist das große Werk vollendet. Und bis heute erinnert das bombastische „Halleluja“ an Händels eigene Auferstehung. ---

Was ist das, was verwundetes Leben auferstehen lässt? Ich weiß, dass mein Erlöser lebet: Denn Christ ist erstanden von dem Tod. Es ist das, was wir Ostern feiern: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt und erweist sich so als Gott des Lebens. Er will, dass auch wir leben. Hat gezeigt: Der Tod behält nicht das letzte Wort. Sondern der lebendige Gott trägt den Sieg davon. Für manch einen christliche Floskel. „Du kannst mir viel erzählen! Woher weißt du das? Beweise es.“

Tja, wie werden derartige Glaubensaussagen zu solcher Gewissheit, wie sie Händel erlebte? Dass er neue Kraft zum Leben bekam? Händels Leiden ist für mich weit weg. Viel näher ist für mich das Leid der Menschen hier und heute. Das Leid der Kriegsvertriebenen in und aus der Ukraine. Sie kämpfen um ihr Land und um ihr Leben. Sie erfahren unfassbare Gewalt. Ermordung von Zivilisten. Verstümmelung der Opfer. Das, was ich in den Nachrichten höre und lese, kann ich schon kaum er-tragen. Wie viel schrecklicher ist dann das, was die Menschen ungefiltert erleben!? Ganz nahe für mich auch das furchtbare Leid der jungen Familie: Gerade ist das dritte Kind geboren – da bekommt die Mutter die Diagnose: Krebs. Unheilbar. Der Arzt redet offen mit ihr: Maximal noch 1 Jahr ... Was soll ich Menschen sagen, die das erleben? Mir fehlen die Worte.

Angesichts des unfassbaren Leides, das der Tod oft mit sich bringt, suche auch ich immer neu nach Gewissheit. Ringe mit Gott. Frage mich und ihn: Wie kann ich dir bei all dem Schrecken glauben, dass du das Leben willst? Und dass du den Tod besiegt hast? Und wie soll ich anderen davon erzählen? Aber: Was bleibt mir anderes? Soll ich wieder und wieder von den Schrecken reden? Soll ich wieder und wieder dem Tod so viel Raum geben?

Nicht falsch verstehen: Es liegt mir ferne, Tod und Schmerz zu verdrängen. Aber damit Menschen aus der Macht des Todes herauskommen, braucht es das andere: Die Rede vom Leben. Von Gott, der zum Le-ben aufrichtet. Und von dem, was sein wird nach dem Tod:

Also lebt in Christo alles wieder auf. Kraftvoll und lebendig von Händel komponiert. Der dahinsterbenden Todeslinie entgegengesetzt. Dazu die jubelnde Posaune, deren Töne zusammen mit dem Bariton nach oben steigen und mit fester Glaubensgewissheit davon erzählen: Sie schallt, die Posaun, und die Toten erstehn unverweslich, und wir werden verwandelt. Denn dies Verwesliche wird erstehn unverweslich, und dies Sterbliche wird verklärt zur Unsterblichkeit. Keine billige Vertröstung, sondern trostvolles Gegenbild wider aller Bilder von Tod und Gewalt. Und der Zuspruch: In allem, was uns widerfährt und was gegen das Leben spricht: Gott ist für uns. Wenn Gott ist für uns, wer könnte uns schaden? ---

Ob das Menschen tröstet, die am Boden liegen? Die alles verloren haben? Die wissen, dass sie sterben werden – und das bald? Wahrscheinlich tröstet höchst selten das Sprechen dogmatischer Richtigkeiten. Überzeugend wird es, wenn Menschen selbst erzählen, wie sie es erlebt ha-ben, dass Gott ihr verwundetes Leben aufgerichtet hat. Dass der Auferstandene ihnen begegnet ist – wie damals den Emmaus-Jüngern. So die Ukrainerin. Sie erzählt, was ihr Kraft gegeben hat, als sie ihren Mann, ihren Sohn, ihre Heimat verlassen musste, um sich und den Rest der Familie in Sicherheit zu bringen. Als die Nachrichten russischer Gräueltaten sie erreichten. Und sie nicht wusste, ob Mann und Sohn in Sicherheit sind.

„Da habe ich gebetet. Ja, ich habe geweint. Und Gott um Hilfe gebeten. Unter dem Kreuz in der Kirche habe ich gesessen. Lebendiger Gott, hilf! Sei bei uns. Dass wir leben. Und als ich aufsah war mir, als würde der Christus am Kreuz mir die Hand reichen und sagen: Ich lebe. Steh auch du auf! Und lebe! Das gibt mir jetzt die Kraft aufzustehen.“ Und als ich mit der Mutter der drei Kinder zusammensaß, die nicht mehr lange leben wird, fragte ich hilflos: „Was kann ich bloß sagen? Oder tun?“

Sie sagte: „Lass gut sein. Ich habe so viel geweint. Und mit Gott gestritten. – Eines Tages, in der Küche, fiel die Sonne auf den Kühlschrankmagneten, den du mir mal geschenkt hast. Weißt du noch? Psalm 139. „Führe ich gen Himmel, so bist du da.“ Das ist für mich kein frommer Spruch. Ich habe es in dem Moment für mich gehört: Gott ist bei mir. Auch wenn ich sterbe. Und danach. Und er bleibt. Bei mir. Und bei meiner Familie. Gott wird mich aufheben. Das gibt mir Kraft.“

Die Ukrainerin und die todkranke Mutter haben es in Worte gefasst. Händel mit seiner Musik beschrieben, die für mich so tröstlich und kraftvoll ist. Es ist ein Wunder, wenn Menschen, die keine Hoffnung, keine Kraftreserven mehr hatten, wie von einer geheimnisvollen Hand über scheinbar unüberwindbare Abgründe getragen werden. Wenn mitten im Leben ein neues Leben beginnt. Dieses Wunder hat einen Namen: Ostern – das Fest der Auferstehung.

Nein, ich kann meinen Glauben an die Auferstehung Jesu Christi nicht erklären. Und nicht beweisen. Auferstehung ist ein Geheimnis. Ich kann sie entdecken, wo Menschen wie durch ein Wunder aufgerichtet werden zum Leben. Wo neue Kraft entsteht aus dem Vertrauen darauf, dass Gott stärker ist als alle Todesmacht. Und dass ich darin gehalten bin auch in dem schrecklichsten Bösen, das mir widerfährt. Im Schlusschor des Messias heißt es:

Würdig ist das Lamm, das da starb, und hat versöhnet uns mit Gott durch sein Blut, zu nehmen Stärke, und Reichtum, und Weisheit, und Macht, und Ehre, und Hoheit, und Segen. Alle Gewalt, und Ehr, und Macht, und Lob, und Preis gebühret ihm, der sitzet auf seinem Thron, und also dem Lamm, auf immer und ewig. Eine fast beschwörende Erinnerung, was uns Leben bringt: Lasst uns nicht den Todesmächten dieser Welt folgen und ihnen Macht über uns geben. Sondern alle Gewalt und Macht und Lob allein Gott geben. Uns hinwenden zu ihm. Denn durch seine Auferstehung haben wir das Leben.
Amen."

Sabine Preuschoff
Superintendentin des Ev.-luth. Kirchenkreises Burgdorf

Die Predigt zum Download:

application/pdf Osterpredigt Preuschoff.pdf (114,3 KiB)

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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